Zwischen Rückzug und Nähe:
Sechs Möglichkeiten, unsere Zeit zu strukturieren.
Die meisten Menschen verbringen ihren Alltag, ohne bewusst wahrzunehmen, wie sie ihre Zeit mit anderen tatsächlich verbringen. In der Transaktionsanalyse wird dieses «Wie» mit dem Konzept der Zeitstrukturierung beschrieben: Es geht darum, auf welche Weise wir Beziehungen gestalten und wie wir dabei unser Bedürfnis nach Aufmerksamkeit («Strokes») befriedigen.
Eric Berne ging davon aus, dass die meisten Menschen Unbehagen empfinden, wenn sie mit einer Periode unstrukturierter Zeit konfrontiert sind (Berne, 2016, S. 38) und dass Menschen ein Grundbedürfnis danach haben, Zeit zu strukturieren. Durch diese Strukturierung kann ein Raum entstehen, in dem wir genügend Strokes austauschen und uns entfalten können (vgl. Cornell et al., 2016, S. 46). Zeitstrukturierung meint deshalb nicht nur Planung von Terminen, sondern die Qualität des Zusammenseins: Wie viel Kontakt lasse ich zu? Wie viel Risiko für echte Begegnung («Intimität») bin ich bereit einzugehen?
In der Transaktionsanalyse werden sechs Formen der Zeitstrukturierung unterschieden (vgl. Schlegel, 2020, S. 291), deren Grad an Intensität, Nähe und Verletzlichkeit sich unterscheiden. Sie reichen von sehr wenig Kontakt bis hin zu hoher Offenheit und emotionaler Berührbarkeit. Je nachdem, wie wir geprägt sind und welche Muster unser Skript umfasst, bevorzugen wir bestimmte Formen – und vermeiden andere.
Die sechs Formen der Zeitstrukturierung
In der TA werden folgende sechs Arten unterschieden, um die Zeit zu strukturieren (vgl. Cornell et al., 2016, S. 47):
- Rückzug («withdrawal»): Die Person zieht sich zurück und verbringt ihre Zeit mit Lesen, am Handy scrollen oder vor sich hinträumen. Äusserlich ist kaum Kontakt vorhanden. Rückzug in Gruppen: Teilnehmende beteiligen sich nicht, tagträumen und ziehen sich innerlich zurück.
- Rituale («rituals»): Rituale bestehen aus vorhersehbarem, sozial definiertem Austausch von Strokes. Dazu gehören Höflichkeitsformen oder kleine Alltagsroutinen («Wie geht’s?» – «Danke, gut.»). Rituale finden ebenfalls in der Gestaltung von Übergängen, im Jahresfestkreis und in verschiedenen Gemeinschaften statt. Sie geben Sicherheit, sind aber meist wenig persönlich.
- Zeitvertreib («pastime»): Von Zeitvertreib wird gesprochen, wenn Menschen zusammenkommen mit dem Ziel, eine «gute» Zeit zusammen zu verbringen. Dazu zählen lockere Gespräche über Wetter, Hobbys oder Fachthemen, ohne wirklich tief zu gehen. Es entsteht Kontakt, aber noch keine echte Verletzlichkeit.
- Aktivitäten («activities»): Wenn Strokes durch eine gemeinsame Aufgabe oder ein Ziel ausgetauscht werden, spricht man in der Zeitstrukturierung von Aktivitäten. Beispiele hierfür sind gemeinsames Tun, Arbeiten, Projekte umsetzen, Joggen, Kochen (Arbeit und Freizeit).
- Psychologische Spiele («psychological games»): Wiederkehrende, oft unbewusste Kommunikationsmuster, wobei das eigentliche Bedürfnis verdeckt bleibt. Psychologische Spiele enden typischerweise in vertrauten, aber wenig befriedigenden Verstimmungen (z. B. «Warum passiert immer mir das?»). Spiele liefern zwar intensive Beachtung, enden aber meist frustrierend.
- Intimität («intimacy»): In dieser Art der Zeitstrukturierung zeigt man sich im Kontakt mit einem Gegenüber offen, direkt und ohne versteckte Agenda. Man mutet sich mit allen Gefühlen, Bedürfnissen und Grenzen zu, lässt Nähe zu und riskiert, berührt zu werden.
Stewart und Joines schreiben, dass Spiele manchmal als Ersatz für Intimität dienen, jedoch ohne das höhere Risiko der Verletzlichkeit einzugehen (vgl. Stewart & Joines, 2015, S. 145). Wenn Menschen beispielsweise aufgrund negativer Skripterfahrungen nur schwer Nähe zulassen können, können Spiele als Notlösung dienen. Berne und diverse andere Autoren halten zudem fest, dass in der Intimität die höchste, oft positivste Form von Strokes erlebt wird – gleichzeitig ist sie die verletzlichste Form von Kontakt. Rituale und Zeitvertreib hingegen liefern eher sichere, «leichtere», aber auch weniger persönliche Bestätigung.
Warum das im Alltag wichtig ist
Unsere bevorzugten Arten der Zeitstrukturierung sind eng mit Skriptentscheidungen verknüpft: Wer zum Beispiel gelernt hat, dass echte Nähe gefährlich ist, hält sich vielleicht lieber in Aktivitäten, Zeitvertreib oder dramatischen Konflikten auf, da diese «vertrauter» erscheinen. Jeder Mensch verfügt über seine eigene Balance der Zeitstrukturierung, die er in Systeme miteinbringt (vgl. Kessel et al., 2021, S. 183). So prägt die Zeitstrukturierung sowohl die Kultur von Unternehmen als auch Familiensystemen: Manche Konstellationen sind sehr ritual- und aktivitätsorientiert, andere halten sich vermehrt in Spielen auf und nur selten entsteht wirkliche Intimität im Sinne von offenem, verletzlichem Austausch.
Für die Begleitung von Menschen eröffnet dieses Konzept einen Blick darauf, wie Menschen Kontakt gestalten und welche Formen sie (noch) vermeiden. Es kann entlastend sein zu merken: «Aha, ich verbringe viel Zeit im Rückzug oder im Zeitvertreib – Intimität fühlt sich ungewohnt an.» – doch sie ist lernbar. So wird meines Erachtens Zeitstrukturierung zu einem praktischen Kompass, um bewusster zu entscheiden, wie ich Beziehung im Alltag leben möchte.
Quellen:
- Berne, E. (2016). Was sagen Sie, nachdem Sie «Guten Tag» gesagt haben? - Psychologie des menschlichen Verhaltens. Frankfurt am Main: Fischer Verlag.
- Cornell, W., Graaf A., Newton, T. & Thunnissen, M. (2018): Into TA. A comprehensive Textbook on Transactional Analysis. New York: Routledge.
- Kessel, B., Raeck, H. & Verres, D. (2021): Ressourcenorientierte Transaktionsanalyse. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
- Schlegel, L. (2020): Die Transaktionale Analyse. Bozen: Printeam.
- Stewart, I. & Joines, V. (2015): Die Transaktionsanalyse. Eine Einführung. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder GmbH.
Verfasst von Eleonora Savides Kursleiterin TA Schweiz