Skript im Alltag
Ein Austausch zwischen Eleonora Savides und Christine Kohlbrenner-Borter

Im Gespräch mit Christine Kohlbrenner-Borter und Eleonora Savides geht es um das Lebensskript: Wie es uns in der Kindheit Orientierung gibt, wie es sich im Alltag zeigt und weshalb es sowohl hilfreich als auch begrenzend sein kann.

Eleonora: Was bedeutet «Skript» für dich, Christine?

Christine: Das Skript umfasst meine Überzeugungen über mich, über andere und über die Welt. Es zeigt sich in typischen Denk-, Fühl- und Handlungsmustern. Die frühen kindlichen Entscheidungen waren damals sinnvoll und eine wichtige Eigenleistung, wie meine damalige Mentorin Margot Ruprecht immer wieder betonte. Das Skript war wichtig, um sich im Umfeld zurechtzufinden und dazu zu gehören. Deshalb waren die damaligen Entscheidungen richtig clever, auch wenn sie uns heute oft einengen und begrenzen.

Und wie siehst du das, Eleonora?

Eleonora: Für mich ist das Skript zuerst einmal etwas, das uns als Kinder Orientierung gibt. Wir brauchen solche inneren Muster, um uns in der Welt zurechtzufinden. Das Skript hilft uns, Erfahrungen zu ordnen, Beziehungen einzuordnen, ihnen Sinn zu geben und uns sicherer zu fühlen.
Im Alltag zeigt sich mein Skript vor allem in stressigen oder unsicheren Situationen. Dann kann es sein, dass ich wieder ins Vertraute, ins Skript, gehe und alte Muster, Gefühle und Reaktionen aktiviere. Es ist, als ob ich mich an einer inneren Landkarte orientiere, die ich schon lange kenne. Das Gute ist: Wenn man sich seines Skripts bewusst ist, gelingt es mit der Zeit meist schneller, wieder den Weg herauszufinden und im Hier und Jetzt eine angemessene Entscheidung zu treffen. Wie zeigt sich das Skript im Alltag bei dir?

Christine: Mein Skript zeigt sich, wie bei dir, in stressigen und unsicheren, also nicht vertrauten, Situationen. Dann denke, fühle und verhalte ich mich blitzschnell wieder so, wie damals, als ich ein kleines Mädchen war. Viele meiner Skriptentscheidungen sind mir heute bewusst, und ich habe neue, passendere Überzeugungen über mich selbst, über andere und über die Welt gefunden – und dennoch passiert es, dass ich mich wieder mitten im Skript wiederfinde. Heute habe ich gelernt, meine Skriptentscheidungen in einem grösseren Zusammenhang des Gewordenseins zu sehen. Ich verstehe sie als Teil von mir und kann sie bewusst wahrnehmen. Entkoppelungsmechanismen wie Trinken, Klopfen, Bewegung, tiefes Ein- und Ausatmen oder das bewusste Aufrichten des Körpers unterstützen mich dabei, ins Hier und Jetzt zurückzufinden und mich an meine bereits neu entwickelten Denk-, Fühl- und Handlungsentscheidungen zu erinnern. 

Eleonora: Warum greifen wir im Erwachsenenalter deiner Meinung nach wieder auf unser Skript zurück?

Christine: Ich denke, dass einige unserer Skriptüberzeugungen schon in früher Kindheit entstanden sind, zu einer Zeit, als wir noch keinen Zugang zu Sprache hatten. Diese frühen Entscheidungen sind tief in unserem Denken, Fühlen, unserem Körper und unserem Handeln verankert und haben sich über die Jahre in vielen Lebenssituationen bestätigt. Wir haben somit ein grosses und tiefverankertes Repertoire, um unser Leben zu gestalten, auch wenn es uns heute blockiert und einengt. Gerade in stressigen oder unsicheren Situationen greifen wir darauf zurück, weil es uns Sicherheit gibt. Auch wenn uns dieses Repertoire heute manchmal blockiert oder einengt, war es ursprünglich eine kluge und sinnvolle Form von Orientierung und Selbstschutz.

Wie denkst du darüber, Eleonora? 

Eleonora: Ich würde auch sagen, dass das Skript eine Schutz- und Orientierungsfunktion erfüllt. Es hilft uns als Kind, das Leben zu verstehen und irgendwie handhabbar zu machen, damit wir uns darin zurechtfinden. Später kann genau das aber auch einengen, weil diese inneren Muster auf kindlichen Vorstellungen und frühen Entscheidungen beruhen. Was damals sinnvoll war, passt heute nicht immer. Und genau hier setzt ja die spannende Arbeit an: Es geht darum, etwas Neues, für heute Angemessenes und Passendes zu entwickeln. Wie erlebst du Skriptveränderung, Christine?

Christine: Skriptveränderung erlebe ich als ein grosses Stück Arbeit, aber auch als eine spannende und interessante Reise. Durch die Bewusstwerdung meiner Denk-, Fühl- und Handlungsmuster ist es mir möglich, neue, passende Schritte in Richtung bezogener Autonomie zu finden. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass ich mich mit meinen Fähigkeiten, Talenten und Ressourcen annehme, mir bewusst werde, dass ich mein Leben auf meine Weise gestalten kann, und dass es gut ist, dass ich einen Platz auf dieser Welt habe.

Ich bin überzeugt, dass Skriptveränderung ein lebenslanger Entwicklungsprozess ist. Ich erlebe das nicht als einengend, sondern mit Neugier: Was entdecke ich in meinem Skript neu oder wieder anders, und welche Entwicklungsschritte werde ich noch gehen?

Und wie erlebst du Skriptveränderung, Eleonora?

Eleonora: Ich erlebe Skriptveränderung als etwas Anspruchsvolles. Ich glaube nicht, dass wir unser Skript einfach «loswerden» können. Aber wir können es besser verstehen und dadurch freier werden. Das gelingt aus meiner Sicht vor allem dann, wenn wir genug andere Sicherheit im Leben aufgebaut haben — innerlich und äusserlich. Innerlich etwa, indem ich auch in fordernden Situationen mit mir in Kontakt bleibe und mich nicht sofort von alten Mustern überrollen lasse. Äusserlich etwa, indem ich mir beruflich und/oder privat ein Umfeld geschaffen habe, in dem ich mich mit meinen Stärken, Grenzen und Eigenheiten zeigen kann. Dann entsteht mehr Raum für neue Erfahrungen und andere Entscheidungen. Letztlich lassen wir etwas, das uns Sicherheit und Orientierung gegeben hat, nur dann los, wenn eine gute Alternative entwickelt wurde. Was denkst du: Kann ein Mensch skriptfrei werden?

Christine: Nein, ich bin überzeugt, dass wir nicht skriptfrei werden können. Das Skript ist durch viele Wiederholungen entstanden. Ich bin davon überzeugt, dass auch neue, angepasste Entscheidungen durch Wiederholungen im Alltag integriert werden und uns mit der Zeit ebenfalls immer mehr Orientierung und Sicherheit geben — ähnlich wie damals das Skript. Und auch das Skript bleibt uns in stressigen und unsicheren Situationen im Leben erhalten. Welche Bedeutung hat das Skript für deine Arbeit?

Eleonora: Für meine Arbeit ist das Skript ein sehr hilfreiches Konzept. Es macht verständlich, warum Menschen in bestimmten Situationen immer wieder ähnlich reagieren. Das hilft, Verhalten nicht zu schnell zu bewerten, sondern als frühere Lösung zu sehen. Das schafft oft mehr Verständnis und Mitgefühl — und öffnet den Weg für Veränderung.

Christine: Ja, das ist bei mir genauso. Die Skripttheorie hilft mir zu verstehen, dass jeder Mensch seine ganz persönlichen Denk-, Fühl- und Handlungsmuster hat. Sie hilft mir auch zu verstehen, dass z.B. unangepasstes Verhalten einen guten Grund hat – nämlich das Skript. Dieses Wissen unterstützt mich dabei, Menschen in meiner Beratungspraxis zu verstehen und ihnen empathisch zu begegnen. Eine wichtige Voraussetzung, um Menschen in ihren Veränderungsprozessen begleiten zu können. 

Danke, Christine und Eleonora, für den interessanten Einblick in eure TA-Welt!