Lebensskript
Ein zentrales Konzept der Transaktionsanalyse.
Das Lebensskript ist ein zentrales Konzept der Transaktionsanalyse nach Eric Berne. Verschiedene Definitionen und theoretische Perspektiven zeigen, wie dieses Konzept im Laufe der Zeit weiterentwickelt und differenziert wurde.
Die Theorie des Lebensskripts entstand in den 1960er-Jahren. Eric Berne definierte den Skriptbegriff, der sich als unbewusster Lebensplan übersetzen lässt. Besonders Eric Berne und weitere Autorinnen und Autoren der Transaktionsanalyse beschäftigten sich intensiv mit der Skripttheorie und prägten deren Entwicklung. Im Folgenden werden einige zentrale Definitionen und Sichtweisen vorgestellt.
Eric Berne definierte das Skript wie folgt: «Beim Skript handelt es sich um ein kontinuierliches (fortlaufendes) Programm, das in der Zeit der frühen Kindheit unter elterlichem Einfluss entwickelt wird und das das Verhalten eines Individuums in den wichtigsten Aspekten seines Lebens bestimmt» (Berne 2007: 472). Zu den wichtigsten Aspekten zählen nach Berne: «Heirat, Grossziehen der Kinder, Scheidung sowie Todesart, soweit sie selbst bestimmt wird» (Berne 2007: 473). Diese Definition macht deutlich, in welchem zeitgeschichtlichen Kontext Berne schrieb. An anderer Stelle beschreibt er das Lebensskript als einen Lebensplan, der auf frühen kindlichen Entscheidungen beruht, von den Eltern verstärkt und durch spätere Erfahrungen bestätigt wird (Berne 2007: 509).
Fanita English verstand das Skript eher als eine «Landkarte des Lebens». Aus dieser Perspektive unterstützt das Skript grundsätzlich die Entwicklung und Entfaltung eines Menschen. Schwierigkeiten entstehen dort, wo innere Blockaden auftreten, die therapeutisch bearbeitet werden können.
Auch Ian Stewart und Vann Joines beschreiben Menschen als Autorinnen und Autoren ihrer eigenen Lebensgeschichte. Erste Grundzüge des Skripts entstehen bereits im frühen Kindesalter, wesentliche Elemente sind bis etwa sieben Jahre ausgeprägt und werden in der Jugend nochmals überarbeitet (Stewart & Joines 2023: 155). Wie jede Geschichte hat auch das Lebensskript einen Anfang, eine Mitte und ein Ende mit einer Schlussszene (Skriptauszahlung). Es enthält wiederkehrende Themen sowie typische Denk-, Fühl- und Handlungsmuster. Das Skript entsteht in der frühen Kindheit und wird im weiteren Leben immer wieder bestätigt.
Leonhard Schlegel beschreibt, wie das Kind Skriptüberzeugungen zu einem Bild von sich selbst, anderen und der Welt ordnet. Das Skript vermittelt entsprechend Orientierung und Sicherheit. Neue Erfahrungen werden später häufig im Sinne früherer Erfahrungen interpretiert, wodurch sich bestehende Selbst- und Weltbilder weiter verfestigen können (Schlegel 2020).
Skriptentscheidungen stellen aus Sicht des Kindes sinnvolle Überlebensstrategien dar – in einer Welt, die subjektiv als bedrohlich erlebt werden kann. Stewart und Joines betonen, dass diese Entscheidungen aus den Gefühlen und der subjektiven Wahrnehmung des Kindes entstehen und nicht einfach von den Eltern vorgegeben werden (Stewart & Joines 2023: 160). Das erklärt auch, weshalb Geschwister trotz ähnlicher Bedingungen unterschiedliche Lebensskripts entwickeln können.
Im Erwachsenenalter zeigen sich Skriptüberzeugungen häufig besonders in Stresssituationen. Denken, Fühlen und Handeln orientieren sich dann oft an frühen Entscheidungen. Stewart und Joines beschreiben, dass Erwachsene dabei unbewusst Verhaltensweisen wählen, die sie ihrer Skriptauszahlung beziehungsweise Schlussszene näherbringen (2023: 157).
Damit stellt sich die Frage, ob das Lebensskript nur einengende oder auch förderliche und ressourcenorientierte Aspekte enthält. Einerseits bot es in der Kindheit Sicherheit und Orientierung, andererseits kann es im Erwachsenenleben begrenzend wirken.
Die ressourcenorientierte Transaktionsanalyse beschreibt das Schreiben, Umschreiben und Überschreiben des Skripts als lebenslangen, ko-kreativen Entwicklungsprozess zwischen Kind und Bindungspersonen (Kessel, Raeck & Verres 2021: 75–80). Lebensskripts sind damit nicht unveränderbar. Durch Bewusstwerdung der eigenen Denk-, Fühl- und Handlungsmuster können neue Erfahrungen integriert und neue Muster entwickelt werden. Ziel ist ein Weg hin zu mehr Autonomie.
Auch neurobiologische Aspekte der Skriptentwicklung wären spannend zu betrachten, würden jedoch den Rahmen dieses Textes sprengen.
Meine persönliche Haltung zum Skript: Es gab mir als Kind Sicherheit und Orientierung. Gleichzeitig ist es möglich, das eigene Narrativ durch Bewusstwerdung und Neuentscheidungen weiterzuentwickeln. Ein völlig skriptfreies Leben erscheint mir jedoch unrealistisch, obwohl in den Anfängen der Transaktionsanalyse häufig von Skriptfreiheit gesprochen wurde. Das Skript kann verstanden, gewürdigt und integriert werden. Neue Denk-, Fühl- und Handlungsmuster entstehen dabei nicht einmalig, sondern durch viele wiederholte Erfahrungen im Hier und Jetzt.
Quellen:
- Eric Berne, Was sagen Sie, nachdem Sie «Guten Tag» gesagt haben? Psychologie des menschlichen Verhaltens, Juni 2007, 20. Auflage, Kindler Verlag GmbH, München
- Ian Stewart/Vann Joines, Die Transaktionsanalyse, Eine Einführung, Taschenbuchneuausgabe 2023, Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau
- Bertine Kessel, Hanne Raeck, Dörthe Verres, Ressourcenorientierte Transaktionsanalyse, Impulse für eine inspirierte Coaching- und Beratungspraxis, 2021, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
- Leonhard Schlegel, Die Transaktionale Analyse, als richtugnsübergreifende Psychotherapie, die insbesondere tiefenpsychologische und kognitiv-therapeutische Gesichtspunket kreativ miteinander verbindet, 2020, 6. Auflage (2011 von Richard Junker überarbeitet und ergänzt), DSGTA, Deutschweizer Gesellschaft für Transaktionsanalyse (heute ASAT/SGTA: Schweizerische Gesellschaft für Transaktionsanalyse).
Verfasst von Christine Kohlbrenner-Borter, Lehrende Transaktionsanalytikerin PTSTA-E und Fachverantwortliche von TA Schweiz