Was geschieht zwischen uns?
Ein Blick auf Passivität in Gruppen

Woran erkennen wir Passivität in Gruppen? Katrin und Livia sprechen über Gruppendynamik, Leitung und den Weg zu Handlungsmöglichkeiten

Livia: Du hast den Artikel zur Passivität geschrieben. Welche neue Erkenntnis zu diesem Thema hat dich fasziniert oder auch überrascht?

Katrin: Einmal mehr hat mich die Komplexität des Themas Passivität und der verschiedenen passiven Verhaltensweisen fasziniert. Die Verbindung von Nichtstun und Passivität erschliesst sich uns in der Regel recht schnell. Doch warum auch Agitation, Überanpassung und Selbstbeeinträchtigung der Passivität zugeordnet werden, ist nicht ganz so einfach zu verstehen.

Ich fand es spannend, zu explorieren, was die ressourcenorientierte TA über Passivität zu sagen hat und welche Ressourcen sich durch diesen Perspektivenwechsel entdecken lassen.

Livia: Woran erkennst du in einer Gruppe, ob es sich tatsächlich um Passivität handelt – und nicht einfach um eine bewusste Entscheidung, zunächst nichts zu tun?

Katrin: Ich kann das Verhalten aus dem Blickwinkel der Ziele betrachten. Wenn das Nicht-Handeln erkennbar dem vereinbarten Ziel dient, ist es eher eine bewusste Entscheidung. Wenn das Nicht-Handeln die Gruppe zunehmend vom Ziel entfernt, kann es ein Hinweis auf Passivität sein. Eine weitere Betrachtungsmöglichkeit ist die Handlungsfähigkeit. Eine bewusste Zurückhaltung kann dann vorliegen, wenn mehrere Handlungsoptionen sichtbar bleiben. Wenn Alternativen gar nicht mehr wahrgenommen werden, deutet das auf Passivität hin.

Katrin: Das Konzept der Passivität ist auch im Zusammenhang mit gruppendynamischen Phänomenen spannend. Wie wendest du es dort an?

Livia: Wir haben in der Weiterbildung das Format des gruppendynamischen Forums. Dieses ist von der Leitung her niedrig strukturiert und fordert die Gruppe auf, sich selbst zu untersuchen. Dadurch können wir von aussen beobachten, was gerade in der Gruppe geschieht, und Hypothesen über die Gruppendynamik und mögliche passive Muster entwickeln.

Unterstützen können wir die Gruppe, indem wir solche Beobachtungen als Impuls zurückgeben oder eine Hypothese in Form einer gezielten Frage in die Gruppe geben. Damit schaffen wir die Möglichkeit, dass die Gruppe etwas wahrnimmt und untersucht, was vorher möglicherweise ausgeblendet oder nicht angesprochen wurde.

Im Hinblick auf Passivität bedeutet das für mich: Wir geben der Gruppe nicht die Lösung vor und übernehmen auch nicht ihre Verantwortung, sondern unterstützen sie dabei, wieder selbst wahrzunehmen, zu denken und zu handeln.

Auch wenn dieses niedrig strukturierte Format nicht von allen als angenehm erlebt wird, eröffnet es die Möglichkeit, unter die sichtbare Oberfläche der Gruppe zu schauen – also auch auf die Themen unterhalb der Wasseroberfläche.

Livia: Was wirst du tun, wenn die Gruppe deinen Impuls nicht aufgreift und weiterhin passiv bleibt?

Katrin: Da stelle ich mir zuerst die Frage, welche Funktion die Passivität im gegenwärtigen Gruppensystem hat – und welchen Anteil mein eigenes Handeln daran hat, dass dieses Muster aufrechterhalten wird. Ist der Vertrag klar genug? Unterstütze ich mit meinem Verhalten die Autonomie der Gruppe?

Ich würde auf die Metaebene wechseln und der Gruppe meine Wahrnehmungen zur Verfügung stellen. Im Sinne von: «Untersuchen wir zusammen, was hier in der Gruppe und zwischen der Leitung passiert.» Also weg von «Wie aktiviere ich die passive Gruppe?» hin zu «Was geschieht zwischen uns, dass die Passivität stabil bleibt – und welchen Anteil habe ich als Lehrende daran?»

Livia: Wenn du das Gespräch mit einem Gedanken zusammenfassen müsstest: Was möchtest du unseren Leserinnen und Lesern zum Thema Passivität mitgeben?

Katrin: Vielleicht diesen Perspektivwechsel: Passivität nicht vorschnell als fehlende Motivation oder mangelnden Willen zu verstehen, sondern neugierig zu fragen, was gerade nicht wahrgenommen wird – und welche Ressourcen, Wahlmöglichkeiten oder Handlungsmöglichkeiten wieder zugänglich werden könnten. Das gilt für Einzelne genauso wie für Gruppen.

Für mich beginnt Veränderung oft genau dort, wo wir aufhören, nur nach dem «Warum nicht?» zu fragen, und stattdessen erkunden: «Was wäre jetzt möglich?»

Livia: Vielen Dank, Katrin, für das spannende Gespräch zum Thema Passivität und für die Einladung, auch bei scheinbarem Nicht-Handeln genauer hinzuschauen!