Die 3 P – die «therapeutische Triade»
– und ihre Weiterentwicklung

Pat Crossman, Claude Steiner und Eric Berne haben 3 Bedingungen definiert, die der Mensch braucht, um gesund wachsen zu können. Wir gehen zurück zu diesen ursprünglichen 3 P und erzählen, wie sie sich bis heute weiterentwickelt haben und weit über das therapeutische Setting wirken.

Der Begriff «therapeutische Triade» verweist darauf, dass die drei Begründer/innen im psychotherapeutischen Feld tätig waren. Sie sind den drei Kernbedingungen Empathie, bedingungsfreie Wertschätzung und Authentizität, die Carl Rogers in den 1950-er Jahren beschrieben hat, ähnlich. Heute sind die 3 P und ihre Weiterentwicklungen nicht nur in der Therapie, sondern auch in Beratung, Bildung sowie im privaten und beruflichen Kontext verankert.

Die ursprünglichen 3 P sind: Permission und Protection – formuliert von Pat Crossman (1966) – sowie Potency, beschrieben von Claude Steiner (1982). Leonard Schlegel hat die Begriffe wie folgt übersetzt: Erlaubnis, Schutz/ermutigenden Rückhalt und Überzeugungskraft durch Autorität.

Permission/Erlaubnis

Erlaubnisse sind verbale oder nonverbale Botschaften, die destruktiven Grundbotschaften oder Bannbotschaften in unserem Lebens-Skript entgegenwirken. Das Gegenüber erhält zum Beispiel die Erlaubnis, seine Gefühle zu spüren, neue (andere) Gefühle zuzulassen, sich selbst wichtig zu nehmen oder andere Verhaltensweisen zu zeigen, die durch gezieltes Nachfragen oder durch Konfrontation des eigenen Bezugsrahmens ermittelt wurden. Ziel ist es, diesen Bezugsrahmen zu erweitern und Autonomie zu fördern (Hagehülsmann, H., Hagehülsmann, U. & Anderegg, 2007; Schlegel, 2002).

Protection/Schutz/ermutigenden Rückhalt

Schutz hat zum Ziel, dass ich meinem Gegenüber in allen Phasen (der Beratung), die gemeinsam durchlaufen werden, Schutz und Geleit gebe, damit eine gesunde Entwicklung und letztlich eine gute Ablösung stattfinden kann. Je nach Situation ist Protection eher Schutz oder ermutigender Rückhalt.

Beispiele aus verschiedenen (Berufs-)Feldern:

  • Als Pädagoge/Pädagogin bin ich für den Schutz der Klasse/der Gruppe verantwortlich.
  • Als Eltern sind wir für den Schutz der Kinder und Jugendlichen, dem Alter entsprechend, verantwortlich.
  • Als Kursleitung bin ich verantwortlich, dass sich die Kursteilnehmenden geschützt und frei fühlen, damit eine vertrauensvolle und autonomiefördernde Lern-Atmosphäre entstehen kann.
  • Als Berater/in bin ich verantwortlich dafür, dass ich einen sicheren, vertraulichen Rahmen für die Klienten schaffe und dass sie sich im Beratungskontext öffnen und danach das Erarbeitete der Beratung im Alltag gut geschützt und gestärkt umsetzen können.

Potency/Überzeugungskraft durch Autorität

Potency hat verschiedene Färbungen. Einerseits beinhaltet sie die Kompetenz in meinem Fachbereich, die Voraussetzung dafür ist, dass ich vertrauenswürdig, verantwortungsbewusst und authentisch handle. Die Überzeugungskraft ist ebenfalls spürbar, da ich diese Fachkompetenz ständig weiterentwickle und mich weiterbilde. Dies setzt jedoch nicht voraus, dass ich immer und überall allwissend bin oder so auftreten muss. Fragen an mein Fachgebiet, die mich studieren, innehalten oder nachlesen lassen, sind auch Teil dieser Kompetenz. Dass ich mein Noch-Nicht-Wissen meinem Gegenüber als solches kommuniziere, ist keine Abwertung meiner Kenntnisse. Es spiegelt, dass ich Fragen ernst nehme und kompetent beantworte. 

Claude Steiner schrieb 1968: «Potency drückt sich in der Erlaubnis durch die Betonung aus, mit der die Erlaubnis erteilt wird. Sie wird im Schutz durch die Bereitschaft des Therapeuten veranschaulicht, vorübergehend die Last der Panik des Patienten zu tragen, wenn dieser sich in einem existenziellen Vakuum befindet.»

Permission, Protection und Potency tauchen in meinem Berufsalltag nicht zufällig auf. Sie bedingen eine Bewusstheit darum und bedingen auch einander. Verschiedene Transaktionsanalytikerinnen und Transaktionsanalytiker haben darüber nachgedacht und diskutiert, ob Erlaubnisse die Voraussetzung für Schutz sind oder umgekehrt. Und wo kommt dann Potency dazu?

Mir gefällt der Ansatz von Jürg Bolliger, der in seiner CTA-Arbeit die Entwicklungsschnecke beschrieben hat. Sie zeigt auf, dass persönliche Entwicklung durch das Zusammenspiel der drei Faktoren gefördert wird. Erlaubnis und Rückhalt zeigen wenig Wirkung, wenn die Überzeugungskraft fehlt. Durch Rückhalt und Überzeugungskraft ohne Erlaubnis werden Menschen nicht dazu ermutigt, Neues auszuprobieren. Überzeugungskraft und Erlaubnis können Angst bewirken, wenn der Rückhalt fehlt.

Quelle: juerg-bolliger.com

Die 3P-Entwicklungsschnecke gibt dir einerseits Hinweise, wenn es um die Entwicklung oder das persönliche Wachstum von Menschen geht, die du in deiner beruflichen Rolle begleitest. Auch wenn es um dein persönliches Wachsen geht, kann die Schnecke unterstützend wirken.

  • Wo erhältst du Erlaubnis?
  • Oder wo holst du sie dir?
  • Wer gibt dir den ermutigenden Rückhalt, den du brauchst?
  • Und wer unterstützt dich durch seine Überzeugungskraft?

Seit den ersten 3 P haben verschiedene Autoren/-innen weitergedacht und folgende P hinzugefügt:

Matthias Sell hat 3 weitere P definiert: Power, Punishment und Pacing.

Macht als Übersetzung von Power ist im deutschen Sprachgebrauch eher negativ besetzt. Positiv kann sie im transaktionsanalytischen Kontext bedeuten: Meine Kraft/Macht als Therapeut/in, Pädagoge/-in oder Berater/in nutzen, um mein Gegenüber zu motivieren, in seinem Veränderungsprozess aktiv zu werden.

Punishment, übersetzt als «Strafe» oder «Konsequenz», meint hier nicht Bestrafung, sondern klare, gemeinsam vereinbarte Regeln und deren Einhaltung. Es bedeutet, dass eine klare Konsequenz gezogen wird, wenn die dem jeweiligen Kontext angepassten, gemeinsam ausgearbeiteten Regeln (der Vetrag) nicht eingehalten werden.

Pacing meint: Auf das Tempo meines Gegenübers achten, mit meinem Gegenüber im Rhythmus sein oder im Einklang. Ich kann so beobachten und reflektieren, welche Intervention genau jetzt notwendig und förderlich ist. Braucht es Erlaubnisse, Schutz oder doch ermutigenden Rückhalt oder Motivation? Ist eine Sanktion angebracht?

Robert Mehler hat 1976 über Patience/Geduld geschrieben, welche wir als 7. P integriert haben. Er schreibt in seinem Artikel: «Ein Mensch braucht genügend Zeit, genügend Freiraum, genügend Informationen, genügend Raum und vor allem genügend liebevolle Geduld, um den Denkprozess neu zu erlernen. Geduld ist eine aktive Erlaubnis, im Moment verwirrt zu sein. Geduld sagt: Es ist in Ordnung, wenn du im Moment nicht alle Antworten darauf hast, was zu tun ist und wie es zu tun ist.»

Margot Ruprecht prägte zusätzlich den Begriff Peace. Frieden bedeutet hier: Immer wieder den Frieden suchen, nach Streit, nach einer Auseinandersetzung, im beruflichen oder privaten Umfeld, in dem Moment, wo ich aus der positiven Grundhaltung herausgekippt und/oder die Verfolger/innenrolle eingenommen habe. So kann ich Liebe, Verbundenheit und Respekt in jeglicher Beziehung zu mir selbst und anderen wiederherstellen.

Livia Zwahlen-Hug hat Personal attention definiert, übersetzt mit: persönliche Zuwendung.

In der heutigen Zeit, in der Technik und soziale Medien einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft haben, laufen wir Gefahr, dass wir unseren Austausch mit anderen Menschen über diese Medien vollziehen. Schnell ist eine SMS oder eine E-Mail geschrieben. So geht der «echte» Kontakt verloren. Missverständnisse und kalte Konflikte können vermieden/gemindert werden, wenn wir den direkten Kontakt dem schriftlichen vorziehen. So erhalten wir echte, direkte Strokes und Stimuli ausserhalb der Bildschirme. Personal attention ermöglicht Empathie und aktives Zuhören, die Gefühle meines Gegenübers zu verstehen und den Sorgen aufmerksam zuzuhören, um Vertrauen aufzubauen.

Quellen:

Verfasst von Livia Zwahlen-Hug, Fachverantwortliche und Kursleiterin TA Schweiz