Die 3-9 P im Alltag
Christine Kolbrenner und Livia Zwahlen im Fachgespräch

Livia und Christine erzählen in einem Fachgespräch aus ihrem Berufsalltag und wie sie die 3-9 P lebendig werden lassen.

Livia: Christine, beim Schreiben des Beitrages «Die 3 P – die «therapeutische Triade» – und ihre Weiterentwicklung» wurde mir bewusst, wie tief die drei P in unserer Arbeit verankert sind.

Christine: Das klingt spannend – was hast du erkannt?

Livia: Die ersten drei P – Protection, Permission und Potency – durchziehen meinen Kursalltag. Zum Beispiel achte ich darauf, dass die Gruppe geschützt ist: Ich schaue, ob der Zusammenarbeitsvertrag klar ist. Haben wir über Vertraulichkeit gesprochen? Kann sich jeder Mensch so zeigen, wie er oder sie das will? Kommt jeder und jede zu Wort? Was fällt dir noch zum Thema Schutz ein?

Christine: Das ist eine gute Frage. Ich frage mich: Welche Verantwortung habe ich in der Rolle als Leitung, die Gruppe zu schützen und wo liegt die Verantwortung bei der Gruppe selbst? Wie erschaffen wir gemeinsam einen sicheren Ort? Meiner Meinung nach geschieht dies im Dialog mit der Gruppe. Vereinbarungen werden besprochen und in Form eines Vertrages festgehalten, wie du es beschreibst.  Ist der Schutz gewährleistet, befinden wir uns in einem sicheren Ort. Dies ist wiederum Voraussetzung, damit sich die Gruppe und auch die Leitung weiterentwickeln können.

Livia: Weiter denke ich über meine Hypothesen im Bereich Erlaubnisse nach. Ich stelle mir die Frage: Welche Erlaubnis braucht die Gruppe im Hier und Jetzt? Was brauchen einzelne Personen für Erlaubnisse, damit sie wachsen können und den Mut haben, sich der Gruppe mitzuteilen? Es handelt sich um ausgesprochene sowie nonverbale Erlaubnisse der Willkommenshaltung und des Erschaffens einer positiven Atmosphäre. Es bleibt auch die Frage, welche Erlaubnisse ich in meiner Rolle als Lehrende Transaktionsanalytikerin PTSTA-E benötige, um kompetent und präsent im Hier und Jetzt zu sein. Das führt mich zur Potency: meine Überzeugungskraft als positive Autorität. Ich teile Fachwissen, Erfahrungen und Haltung – nicht als Allwissende, sondern als jemand, die gemeinsam mit der Gruppe lernt. Interessiert, neugierig, lernend und lehrend mit der Gruppe gemeinsam unterwegs zu sein.

Christine: Ja, die drei P sind miteinander verbunden – sie bedingen sich gegenseitig. Sie sind aus meiner Sicht Voraussetzung für eine vertrauensvolle Beziehungsgestaltung im professionellen und privaten Kontext.

Ein weiterer Gedanke zu Potency: In meiner Potency bin ich im Hier und Jetzt, im Erwachsenen-Ich in meiner Rolle präsent. Eine wichtige Voraussetzung, um die aktuelle Situation zu erfassen und diese als Ausgangspunkt zu sehen.

Livia: Genau! Sie weisen uns den Weg Richtung Autonomie. Weiter finde ich es spannend, dass sich viele Autoren/-innen Gedanken darüber machen, welches P an erster Stelle steht. Die Darstellung mit der Schnecke aus dem Podcast von Jürg Bolliger fasziniert mich. Diese zeigt auf, dass sich die 3 P wechselseitig bedingen, so wie du es auch schon beschrieben hast.  

Christine: Inzwischen gibt es noch drei weitere P: Power (im Sinne von Macht und Kraft), Punishment und Pacing. Ich stelle mir die Frage, wie diese weiteren P's mich in der Begleitung von Menschen unterstützen. Mit Power ermutige ich mein Gegenüber in seinem Veränderungsprozess aktiv zu werden oder zu bleiben. Meine Kraft und Macht stelle ich im positiven Sinn in meiner Rolle als psychosoziale Beraterin oder Lehrende Transaktionsanalytikerin PTSTA-E zur Verfügung. Das Punishment (Strafe) wird als Strafe beschrieben. Hier geht es mir nicht darum, jemanden bei einer Fehlhandlung zu bestrafen, sondern die Menschen bei einem sogenannten Fehlverhalten zu ermutigen, im ER-Ich die Verantwortung zu übernehmen und die «Sache» in Ordnung zu bringen.

Pacing ist wie ein Schalthebel – ich passe mein Tempo und Vorgehen den Möglichkeiten meines Gegenübers an. Das heisst, ich akzeptiere die Grenzen meines Gegenübers und schütze mich und mein Gegenüber vor unangebrachter Konfrontation.

Ein Leitsatz, der mich begleitet: «Vertraue dir selbst, deiner Intuition, deinem Gegenüber und dem Prozess.» Für mich heisst das im Zusammenhang mit den P's auch, dass diese bei meiner Arbeit wie ein innerer Leitfaden genutzt werden können.

Und dann gibt es noch drei weitere P. Livia, du hast das Konzept der Personal Attention entwickelt – ich bin gespannt auf deine Gedanken.

Livia: Patience passt wunderbar zum Pacing. Ich übe mich in Geduld, respektiere und wertschätze den Prozess (die Möglichkeiten und das Tempo) meines Gegenübers oder der Gruppe.

Peace wurde von Margot Ruprecht beschrieben –  es geht darum, nach einem Konflikt wieder Frieden zu schaffen und im Hier und Jetzt einen Weg zu finden. Von ihr kommt auch der Satz: «TA ist Friedensarbeit». Da bin ich mit Margot vollkommen einverstanden.

Personal attention: Dieses P entwickelte ich aus Verhaltensbeobachtungen bei Kindern und Erwachsenen. Die Social Media und der online Kontakt sind omnipräsent. Aus meiner Sicht fehlt der persönliche Kontakt. Z.B. sitzen die Menschen am Tisch, im Zug usw. und haben mit ihrem Handy und nicht mit ihrem Gegenüber Kontakt. Sich wieder üben und mit dem Gegenüber persönlich Kontakt aufzunehmen, bedeutet, mein Gegenüber anzusehen, zu sehen und ihm zuzuhören. Schlussendlich hat Personal attention für mich die Wirkung eines positiven Strokes. Persönliche Zuwendung und Anerkennung ist ein Grundbedürfnis von uns Menschen, was damals auch schon Eric Berne beschrieben hat.

Christine: Mir gefällt unser Gespräch sowie das gemeinsame Nachdenken über die Bedeutung und die Wirkung der 9 P. Schlussendlich sehe ich die 9 P wie ein Leitfaden für mein persönliches und berufliches Leben. Wie unsere Leser/innen mit den 9 P arbeiten können, finden sie in der Rubrik Übungsplatz.

Danke Christine und Livia für den interessanten Einblick in eure TA-Welt.