Passivität
Was hält uns davon ab, Probleme zu lösen? – Passivität neu betrachtet

Passivität ist mehr als Nichtstun. Überanpassung, Agitation oder Selbstbeeinträchtigung können uns ebenso davon abhalten, Probleme wirklich anzugehen. Was hilft uns dabei, wieder Zugang zu unseren Lösungsressourcen zu finden?

Das klassische Passivitätskonzept von Aaron und Jacqui Schiff beschreibt Passivität als ein Muster, bei dem eine Person eine autonome und wirksame Problemlösung vermeidet oder nicht ausreichend verfolgt. Dabei geht es jedoch nicht nur um Nichtstun, wie das Wort «Passivität» vermuten lassen könnte. Auch Überanpassung, Agitation, Handlungsunfähigkeit/Gewalt können dazu führen, dass eine Person ein Problem oder eine Herausforderung nicht wirksam bearbeitet.

Passivität zeigt sich somit in Verhaltensweisen, mit denen eine Person eine autonome Reaktion auf eine Situation vermeidet oder eine wirksame Problemlösung nicht verfolgt. Das Konzept wurde von Aaron und Jacqui Schiff entwickelt und ist eng mit Discounting und symbiotischen Beziehungsmustern verbunden.

Vier Formen von Passivität

Die klassische TA-Literatur unterscheidet vier Formen passiven Verhaltens:

1. Nichts tun

Die Person tut nichts, was zur Lösung des Problems beitragen könnte, obwohl eine Problemlösung erforderlich wäre.

Möglicherweise hat die Person Angst vor einer Auseinandersetzung und vermeidet diese deshalb. Vielleicht fühlt sie sich auch überlastet oder ignoriert die Existenz des Problems.

Beispiel: Im Team ist allen klar, dass die Kommunikation nicht funktioniert. Trotzdem wartet jede Person darauf, dass «jemand anderes» das Thema anspricht.

2. Überanpassung

Die Person reagiert zwar aktiv, richtet ihr Verhalten jedoch so stark an den vermuteten Erwartungen anderer aus, dass eigene Bedürfnisse, Informationen oder Entscheidungen missachtet werden. Auf diese Weise wird eine Auseinandersetzung vermieden – möglicherweise aus Angst, nicht mehr dazuzugehören.

Beispiel: Eine Person übernimmt regelmässig zusätzliche Aufgaben, obwohl ihre/seine Kapazitäten längst erschöpft sind. Auf die Frage «Kann ich dir etwas abnehmen?» kommt die Antwort: «Nein, nein, ist schon okay.»

3. Agitation

Es findet viel Aktivität statt, die Energie ist jedoch nur auf diese Tätigkeit ausgerichtet, statt auf die Problemlösung. Die Aktivität bringt die Person der Lösung des eigentlichen Problems nicht näher. Die Schiffs beschreiben Agitation als repetitive, nicht zielgerichtete beziehungsweise nicht produktive Aktivität. Dabei kann die Person durchaus subjektiv das Gefühl haben, etwas Produktives zu tun.

Beispiel: Ein Projektteam erstellt immer neue Tabellen, organisiert weitere Meetings und sammelt Informationen, ohne die längst anstehende Entscheidung zu treffen.

4. Handlungsunfähigkeit / Gewalt

Bei dieser Form der Passivität wird die Person zunehmend handlungsunfähig oder reagiert mit Gewalt. Die Energie, die nicht für eine konstruktive Problemlösung eingesetzt wird, kann sich in körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen oder in aggressivem Verhalten ausdrücken. Die Schiffs beschreiben dabei beispielsweise Zustände von Handlungsunfähigkeit bis hin zu körperlichen Symptomen oder gewalttätigem Verhalten.

Beispiel: Eine Person fühlt sich mit einer beruflichen Situation zunehmend überfordert. Statt die Situation anzusprechen oder nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen, zieht sie sich immer stärker zurück, fühlt sich völlig handlungsunfähig oder reagiert schliesslich mit einem heftigen Wutausbruch.

Wichtig ist, dass körperliche oder psychische Symptome, Gewalt oder selbstbeeinträchtigendes Verhalten nicht vorschnell als «Passivität» interpretiert werden. Sie können vielfältige andere Ursachen haben und erfordern gegebenenfalls eine entsprechende fachliche Abklärung.

Was hat das mit Discounting zu tun?

Eine zentrale TA-Idee lautet: Passivität ist häufig mit dem Ausblenden relevanter Informationen verbunden. Etwas an der Situation, an den eigenen Möglichkeiten oder an den Möglichkeiten anderer wird nicht ausreichend berücksichtigt.

Entscheidend ist dabei nicht, ob eine Aussage objektiv stimmt, sondern die Frage: Welche Information wird möglicherweise nicht wahrgenommen oder ausgeblendet? Gibt es tatsächlich keine Handlungsmöglichkeit? Oder wird eine vorhandene Möglichkeit nicht erkannt?

Gerade diese Perspektive macht das Konzept für unterschiedliche TA-Anwendungsfelder interessant. In der Pädagogik kann beispielsweise gefragt werden: «Welche Informationen oder Wahlmöglichkeiten nimmt die lernende Person gerade nicht in den Blick?» In Organisationen kann die Frage lauten: «Wo übernimmt niemand Verantwortung, obwohl Handlungsspielräume vorhanden sind?» In Beratung oder Therapie kann die Beobachtung dabei helfen, wiederkehrende Muster von Nicht-Handeln, Überanpassung oder ineffektiver Aktivität genauer zu beschreiben.

Der ressourcenorientierte Perspektivenwechsel

Die ressourcenorientierte TA ergänzt diese klassische Analyse um eine weitere Frage:

Welche Lösungsfähigkeit ist bereits vorhanden – und wie kann sie zugänglich werden?

Kessel, Raeck und Verres verbinden Passivitätsmuster mit einem Modell von Problemlösungsstufen. Zunächst geht es darum, ob ein Problem überhaupt erkannt wird. Danach folgen Fragen nach seiner Bedeutung und Veränderbarkeit. Die vierte Stufe richtet den Blick auf die persönliche Lösungsfähigkeit: Wie könnte ich selbst zur Lösung beitragen? Was brauche ich dafür?

Damit verschiebt sich der Fokus:

Klassische Frage:
«Was wird nicht gesehen oder nicht getan?»

Ressourcenorientierte Frage:
«Welche Fähigkeit ist bereits vorhanden, wird im Moment jedoch nicht genutzt oder ist noch nicht zugänglich?»

Das ist ein bedeutsamer Perspektivenwechsel.

Ein besonders anschauliches Beispiel findet sich bei Kessel, Raeck und Verres in der Arbeit mit dem Satz «Ich kann nicht…». Die Autorinnen schlagen vor, probeweise «kann» durch «will» zu ersetzen und zu prüfen, was sich innerlich verändert. Ähnlich kann aus «Ich muss…» die Formulierung «Ich entscheide mich dafür…» oder «Ich entscheide mich dagegen…» werden (Kessel/Raeck/Verres).

Lösungsorientiert ist die Differenzierung der Aussage «Ich kann nicht», um herauszufinden, was sie für eine Person in einer bestimmten Situation bedeutet: Kann ich tatsächlich nicht? Will ich nicht? Fehlt mir eine Fähigkeit? Fehlt mir Unterstützung? Oder gibt es eine Möglichkeit, die ich bisher nicht als solche wahrgenommen habe?

Aus der Auseinandersetzung mit Passivität kann so ein Zugang zu Wahlmöglichkeiten und Ressourcen entstehen.

Die entscheidende Frage lautet dann nicht nur: «Was hält mich davon ab, etwas zu tun?», sondern auch: «Was steht mir bereits zur Verfügung – und was brauche ich, um es wirksam einzusetzen?»

Verfasst von Katrin Hodel, Kursleiterin TA Schweiz, Lehrende Transaktionsanalytikerin PTSTA-C 

Quellen:

  • Schlegel, L. (2002): Die Transaktionsanalyse. 6. Auflage. DGTA.
  • Kessel, B./Raeck, H./Verres, D. (2021): Ressourcenorientierte Transaktionsanalyse. Impulse für eine inspirierte Coaching- und Beratungspraxis. 2., ergänzte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Stewart, I./Joines, V. (2023): Die Transaktionsanalyse. Eine Einführung in die TA. Freiburg im Breisgau: Herder.